Skip to main content
Photo: Odilo Clausnitzer
Night Notes

Cologne Jazzweek 2026: The last two days

Der Donnerstag und der Freitag der Cologne Jazzweek haben noch einmal verdeutlicht, wofür die Cologne Jazzweek steht: für eine aktuelle, oftmals improvisierte Musik, die sich ästhetisch weit öffnet und stilistisch Grenzen hinter sich lässt.

Text: Lennart Brauwers; Redaktion: Martin Laurentius

Spaßvögel würden sagen, das Ding sehe aus wie ein Handstaubsauger. Man lacht dann kurz, und weiter: Die klangliche Vielfalt, die der US-amerikanische Saxofonist Sam Gendel am vorletzten Abend der Cologne Jazzweek aus seinem „Digital-Saxofon“ herauszaubert, ist ebenso verwirrend wie beeindruckend – und ergänzt sich perfekt mit der tiefbauchigen Stimme von Ugnė Uma sowie den Soundscapes des kalifornischen Komponisten und Keyboarders Ethan Braun. Gemeinsam kreiert das Trio, welches extra für diesen Auftritt zusammengestellt wurde, elektroakustische Welten, in denen schmalzige 80s-Klavierakkorde auf ultrafette Beats und das (im bestmöglichen Sinne) chaotische Experimentieren eines Saxofonisten treffen, der die Grenzen seines Instruments auf organische Weise ausreizt. Der unbearbeitete Gesang von Uma hält das collagenhafte Projekt in jeder Sekunde zusammen.

Nach einer brachialen Fusion/Dancehall/HipHop-Party im Bumann & Sohn, bei der Musikproduzent Farhot zusammen mit Drummer Silvan Strauss und Saxofonist Webster ein ekstatisches Publikum zum Schwitzen brachte, ging es anschließend wieder im Artheater weiter: mit dem Akkordeonisten Anatole Muster. Seine Musik ist einmalig, diese Beschreibung kann man hier problemlos verwenden. Irgendwo zwischen Jazz-Rock, Anime-Soundtracks und, ja, Midwest-Emo, ist dieses Schweizer Internetphänomen anzusiedeln; jedenfalls bekommt man hier keineswegs das, was man bei dem Wort Akkordeon erwartet hätte. Dass diese Musik dermaßen überladen wirkt, ist natürlich Absicht und wird hier mit einem halbironischen Grinsen rübergebracht – wenn Anatole Muster gerade wieder ein turboschnelles Arpeggio aus seinem Akkordeon feuert oder gemeinsam mit seiner talentierten Band in verspielte Jams übergeht, die wie Nintendo-Musik auf Steroide klingen. Und dann eben diese gefühlvolle Sentimentalität, die an Sufjan Stevens oder American Football erinnert. Ich sag ja: einmalig.

Am letzten Tag der diesjährigen Cologne Jazzweek stach vor allem die aufbrausende Band GEORGE heraus – aufgetreten sind sie im Kammermusiksaal vom Deutschlandfunk. Gegründet wurden sie vom Schlagzeuger John Hollenbeck, unter anderem als Hommage an den 2020 ermordeten Afroamerikaner George Floyd. Ein gewisser Sinn von Aufgebrachtheit, von Turbulenz und Dringlichkeit ist in dieser Musik durchgehend spürbar, wenn Hollenbecks Drums wie wütende Protestmassen klingen, die Stimmen von Sarah Rossy und Chiquitamagic zu alarmierenden Sirenen werden, das Tenorsaxofon von Anna Webber unkontrolliert herumspringt. Man hat das Gefühl, diese Musik würde ständig versuchen, sich selbst einzufangen – und ist dabei erfolgreich. Diese Tatsache, dass Chaos hier gebändigt werden kann, lässt Hoffnung schöpfen. Auch, weil jedes Stück einer anderen Person gewidmet ist – die meisten davon heißen George mit Vornamen –, strahlen Hollenbeck & Co. so viel kraftbringende Positivität aus. Weil sie wissen, dass nur eine Sache hoffnungsstiftender als Musik ist: Menschen.

Das letzte Highlight stellte der Pianist Felix Hauptmann dar. Im Stadtgarten präsentierte er gemeinsam mit einer starken Gruppe die Uraufführung von „YARDS & EMPATHY“, einer Auftragskomposition, die im Rahmen der jährlichen Zusammenarbeit zwischen der Cologne Jazzweek und NICA artist development entstand. Als Abschluss war das nahezu perfekt, weil das Projekt – im Kontrast zum sonst eher modernisierten Programm – eine, sagen wir, klassischere Form von Jazz zeigt. Frei, lebendig, akustisch: Ruhe ausstrahlend, und dann plötzlich das genaue Gegenteil.

More news